Es ist die erste große Pause. Lina steht am Rand des Pausenhofs und versucht, ihre Jacke zu schließen. Zwei Kinder aus ihrer Klasse laufen an ihr vorbei und imitieren ihren Versuch. Sie lachen aber es ist kein freundliches Lachen. „Brauchst du Hilfe, Trina?“, ruft eins der beiden Kinder und jetzt lachen noch andere mit. Lina zieht die Schultern hoch, schaut zu Boden und wird ganz still. Sie hört auf die Jacke zu schließen, obwohl sie friert und geht schnell weg.
Später sitzen alle wieder im Klassenraum. Der Lehrer stellt eine Frage und Lina meldet sich. Als sie antwortet, hört sie ein Kichern hinter sich und weiß genau, das Kichern gilt ihr.
In diesen unscheinbaren Momenten liegt die ganze Komplexität von Mobbing. Und die entspricht nicht unbedingt dem Bild, dass in den Medien propagiert wird. Denn Aufmerksamkeit bekommt Mobbing oft erst, wenn es laut und deutlich erkennbar abläuft. Wenn Menschen offen verspottet und gequält werden. Der Leidensweg davor ist aber nicht immer laut, oft nicht eindeutig und auch nicht unbedingt klar zu erkennen. Aber für die Betroffenen ist es sehr real.
Mobbing abzutun mit den Worten: „Das sind eben Kinder, die müssen sich ausprobieren“, ist falsch, denn Mobbing ist keine Kinderangelegenheit. Es findet in allen Altersgruppen statt. Bei Kindern genauso wie bei Erwachsenen. Die große gesellschaftliche Chance liegt darin, unseren Kindern beizubringen mit Mobbing umzugehen, Mobbing zu beenden und die Ursachen von Mobbing zu identifizieren. Denn unsere Kinder von heute sind die Erwachsenen von morgen.
Mobbing was ist das eigentlich?
Wer sich mit dem Thema Mobbing beschäftigt, der merkt schnell wo das Problem liegt. Denn der Begriff Mobbing ist sehr schwer zu umreißen. Es gibt so viele unterschiedliche Varianten und Ausprägungen, dass man schon sehr genau hinsehen muss, um Mobbing klar zu identifizieren und die dahinterliegende Dynamik zu begreifen. Manchmal ist nur ein Kind der Treiber und sorgt dafür, dass ganz gezielt jemand ausgeschlossen wird. Ein anderes Mal verbündet sich eine Gruppe, gegen ein einzelnes Kind. Es gibt auch Top Down Situationen, in denen ein dominantes Kind Macht ausübt und andere mobbt, um seine Position zu stärken.
Aber die Form, die am häufigsten unterschätzt wird, ist das unauffällige, immer wiederkehrende Abwerten. Hier entsteht fast schon eine Insider-Beziehung zwischen dem der mobbt, dem Akteur, und dem der gemobbt wird, dem Betroffenen. Fast wie bei besten Freunden, die sich blind verstehen, nur dass es eben genau das Gegenteil von Freundschaft ist. Dumme Spitznamen oder peinliche Situationen werden immer wieder teils ohne Kontext angeführt. Das Spielchen geht so lange, bis irgendwann jeder in der Klasse oder Gruppe Bescheid weiß und nur noch keine Anspielungen nötig sind, Spott und die damit verbundene Scham auszulösen.
Jetzt sind es nur Kleinigkeiten, die für sich genommen eigentlich gar nicht so gravierend erscheinen, in der Wiederholung jedoch tiefe Wunden bis hin zur Traumatisierung hinterlassen. Oft wird das dann von Eltern, Lehrern oder anderen Bezugspersonen weder erkannt noch gewürdigt. Dabei sollte im Zentrum der Aufmerksamkeit immer das Empfinden des Betroffenen stehen. Wenn ein Kind sich gemobbt fühlt, nehmen wir das ernst. Denn jedes Kind erlebt Situationen anders und auch Eltern und Lehrer bewerten Ereignisse sehr unterschiedlich. Es spielt keine Rolle, wer sich alles NICHT von einer Situation gemobbt fühlt, einzig das Erleben des Kindes ist entscheidend.
Wie können wir Mobbing abstellen?
Der beste Weg Mobbing abzustellen, ist es erst gar nicht entstehen zu lassen. Dafür ist Ursachenforschung gefragt: Warum also werden manche Kinder zu Mobbern oder wie wir sie in diesem Artikel nennen möchten, zu Akteuren.
Nun, Akteure handeln aus vielen Gründen. Meistens liegt dem Verhalten aber ein ungestilltes inneres Bedürfnis zu Grunde, dass die Kinder versuchen zu übertünchen oder zu stillen, je nachdem.
In vielen Fällen haben die Kinder irgendwann im Laufe ihres Lebens gelernt, dass negative Aufmerksamkeit eine Form von Bedeutung ist. Kinder suchen immer die Aufmerksamkeit von Bezugspersonen. Doch oftmals scheitern sie, wenn sie versuchen mit positiven Dingen zu punkten. Verhalten sie sich dagegen nicht regelkonform oder sind sozial auffällig wird sich plötzlich sehr intensiv mit ihnen beschäftigt.
Nicht wenige der mobbenden Kinder wurden selbst verletzt. Sie haben oft gehört, sie seien dumm, hässlich oder fett. So oft, dass sie beginnen, diesen Botschaften zu glauben. Daraus entsteht Scham gepaart mit Selbsthass, ein Gefühl, das sich kaum aushalten lässt. Um dieses Gefühl nicht zu spüren, fangen diese Kinder an sich zu schützen und stumpfen ab. Sie hören auf, den eigenen Schmerz wahrzunehmen und treten aus dem Kontakt zu sich selbst. Aber wer den Zugang zu sich selbst verliert, verliert häufig auch den Zugang zu Empathie. So werden einige Betroffene selbst zu Akteuren und fangen an ihre Umwelt zu terrorisieren. Sie reichen Druck und Gewalt nach unten zu vermeintlich Schwächeren durch.
Eine andere Gruppe mobbt aus Langeweile oder weil sie nicht wissen, wie sie ihren Platz in der Welt da draußen finden sollen. Langeweile wird aus meiner eigenen Erfahrung heraus, oftmals hochgradig unterschätzt. So fallen Bewegungs-, oder Beschäftigungseinheiten in Einrichtungen und Schulen zum Teil strukturellen Vorgaben zum Opfer.
Es ist dafür schlichtweg keine Zeit oder genug Aufsichtspersonal vorhanden um sicherzustellen, dass sich kein Kind verletzt. Oder es werden einfach aus finanziellen Gründen kaum Beschäftigungsmöglichkeiten angeboten.
Betrachtet man eine Umgebung in der viel Mobbing stattfindet, kann man oft schon durch die Änderung der äußeren Umstände Hänseleien und Revierkämpfen vorbeugen. Ausreichende Beschäftigungsmöglichkeiten, Aufmerksamkeit und positive Verstärkung helfen an vielen Stellen es gar nicht so weit kommen zu lassen.
Die Bedeutung eines ganzheitlichen Blicks
Um Mobbing wirklich zu verstehen und zu bearbeiten, reicht es nicht, nur die Akteure zu betrachten und gegebenenfalls zu sanktionieren. Ein wirksamer Ansatz sieht beide Seiten. Die Frage ist nicht, wie man Betroffene verändert. Die Frage ist, wie man versteht, warum etwas so verletzend ist. Welche Aussage trifft besonders. Welche innere Erfahrung wird berührt. Welche Rolle spielt der Selbstwert.
Wir müssen verstehen, dass psychische Gewalt sich grundlegend von physischer Gewalt unterscheidet. Körperliche Verletzungen spüren alle gleich. Psychische Angriffe dagegen treffen Menschen unterschiedlich stark. Das soll nicht bedeuten, dass psychische Gewalt unter bestimmten Bedingungen nicht existiert, denn Spott, Herabwürdigungen, Ausgrenzung und Beschimpfungen sind immer und zu jeder Zeit indiskutabel und müssen betrachtet werden. Es bedeutet lediglich, dass die innere Bewertung eine ganz erhebliche Rolle dabei spielt, ob ein Betroffener unter der psychischen Gewalt leidet oder eben nicht.
Wir müssen uns nicht mögen, aber wir müssen trotzdem gut miteinander umgehen
Ziel meiner Arbeit ist es betroffene Kinder dabei zu begleiten, ihre eigenen Reaktionen zu verstehen. Dabei ist es wichtig diese nicht zu relativieren, sondern mit ihnen einen respektvollen Weg zu erarbeiten, Abwertungen anders einzuordnen. Nur weil mich jemand dumm findet, heißt es nicht, dass ich dumm bin. Es gibt Meinungen und Wahrheiten. Nur weil jemand anders meinen Pulli hässlich findet, ist der Pulli nicht automatisch hässlich. Nur weil jemand anderem etwas an mir nicht passt, heißt das nicht, dass ich nicht passe.
Es ist in diesem Gedankenkontext auch völlig in Ordnung, dass andere meinen Pulli oder mich nicht mögen, denn es ändert nichts an mir. Selbst Erwachsene tun sich oftmals schwer diese auseinander zu halten. Was bin ich, was ist der andere. Wie soll es dann erst Kindern ergehen?
Indem wir üben, Meinungen von Wahrheiten zu unterscheiden aber dabei beidem einen Platz einräumen, bekommt das Kind plötzlich ein Mittel an die Hand Mobbing nicht mehr als Teil von sich zu sehen, sondern gedanklich beim Akteur zu belassen. Diese Haltung hilft Kindern, Kritik und Abwertung neu einzuordnen. Die Frage ist: Ändert es etwas an mir, nur weil ein anderer mich nicht mag? Ein Kind das hier Selbstsicherheit erlangt, kann stark und geschützt in Konfliktsituationen gehen, ohne sich selbst darin zu verlieren.
Parallel lernen Akteure, ihr Verhalten zu reflektieren und andere Wege zu finden, Bedürfnisse auszudrücken. Das Ziel ist nicht Schuldzuweisung. Das Ziel ist Entwicklung. Alle Kinder müssen lernen, dass Respekt wichtiger als Sympathie ist.
Mobbingarbeit findet mit allen Beteiligten statt
Selbstverantwortung als stärkender Weg
Ein zentrales Element im Umgang mit Mobbing ist die Selbstverantwortung. Kinder lernen, Grenzen zu setzen, Situationen einzuschätzen und innere Stabilität aufzubauen. Dazu gehören Methoden wie der No Blame Approach, eine strukturierte Form der Konfliktbearbeitung, die ohne Schuldzuweisung arbeitet und die Gruppe in die Verantwortung nimmt oder die Farsta-Methode, ein pädagogischer Ansatz, bei dem klare Gesprächsschritte genutzt werden, um das Verhalten der Akteure zu verstehen und Veränderung anzustoßen. Resilienz entsteht, wenn Kinder verstehen, wie sie sich selbst wirksam schützen und unterstützen können.
Wie andere Kinder helfen können
Jedes Kind kann etwas tun, ohne sich in Gefahr zu bringen oder sich als Held aufzuspielen. Hilfreiche Unterstützung entsteht oft leise. Hier sind einige Ansätze, wie Kinder andere unterstützen können:
- Nicht mitmachen, wenn andere abwerten.
- Sich bewusst abgrenzen und sagen, dass etwas nicht in Ordnung ist.
- Sich still neben den Betroffenen stellen.
- Zivilcourage zeigen, indem man Präsenz ausstrahlt.
- Von hinten unterstützen, ohne groß aufzufallen.
Diese Art der Unterstützung schafft einen Raum, in dem Betroffene sich gesehen fühlen und Akteure merken, dass ihr Verhalten keine Zustimmung erhält.
Rolle der Eltern
Eltern begleiten ihre Kinder, stärken sie, hören zu und helfen ihnen, Situationen zu verstehen. Was oft wenig bringt, ist, wenn Eltern direkt mit anderen Eltern über Konflikte der Kinder sprechen. Kinder profitieren vielmehr davon, selbst Konfliktkompetenz zu entwickeln.
Erwachsene als Vorbilder
Kinder beobachten sehr genau, wie Erwachsene miteinander umgehen. Wir Erwachsene müssen uns unserer Vorbildfunktion in der Mobbingprävention noch viel mehr bewusst werden. Lästern, abwertende Kommentare oder Ungeduld prägen Kinder stärker als jede Erklärung. Wenn Erwachsene Respekt vorleben, lernen Kinder Respekt. Wenn Erwachsene fair handeln, lernen Kinder ebenfalls Fairness.
Herausforderungen beim Schuleintritt
Soziale Fähigkeiten werden bei Schuleingangsuntersuchungen oft kaum berücksichtigt. Viele Kinder kommen mit unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schule und in den ersten Klassen entstehen Konflikte, die man früher hätte erkennen und begleiten können. Deshalb würde ich mir wünschen, dass auch hier schon aufmerksamer hingeschaut wird, um Kindern die in der sozialen Entwicklung verzögert sind bessere Förderung zu ermöglichen.
Ein Weg zu mehr Stärke und Klarheit
Mobbing löst sich nicht durch einen einzigen Schritt. Es braucht Einsicht bei den Akteuren, Stabilität bei den Betroffenen und eine Umgebung, die hinschaut. Es braucht Selbstverantwortung, innere Stärke und eine Gesellschaft, die für unsere Kinder als Vorbild fungiert. Wie wir ja schon an anderer Stelle feststellten: Glück ist eine Entscheidung. Wenn Kinder lernen, sich selbst zu vertrauen und Kritik nicht als Urteil über ihren Wert zu verstehen, verändert sich etwas Grundlegendes. Dann kann aus einem verletzenden Moment ein Moment der Entwicklung werden.