Medienerziehung heute: Zwischen Schutz, Begleitung und Verantwortung

Medienerziehung ist kein Randthema mehr. Sie ist einer der zentralen Erziehungsaufträge unserer Zeit. Und trotzdem erleben viele Eltern das Thema als diffus, überfordernd oder bedrohlich. Cybermobbing, Cybergrooming und Pornografie schweben als drohende Schreckgespenster über Social-Media-Angeboten wie TikTok, Snapchat, Instagram, YouTube oder WhatsApp. Dazu kommen Spiele- und Kommunikationsplattformen wie Roblox, Twitch oder Discord.

Was oft fehlt, ist ein klarer, alltagstauglicher Umgang mit diesen neuen Medien und das Know-how der Elterngeneration, diese Vielfalt an Angeboten inhaltlich und technisch zu überblicken, einzuordnen und zu entscheiden. Eltern sind verunsichert, welchen Umgang das eigene Kind damit pflegen soll und wie sie diesen dann auch nachhaltig durchsetzen können.

Überforderung entsteht, wenn man versucht, Medienerziehung auf einzelne Risiken zu verengen. Es geht um das große Ganze: darum, wie Kinder heute aufwachsen, welche Reize auf sie einprasseln und welche Verantwortung wir Erwachsene dabei tragen.

Mein Weg zur Medienerziehung

Mein Weg in die Medienerziehung war kein theoretischer. Er begann praktisch über Gespräche mit Kindern, Eltern, Lehrkräften sowie über Seminare und Vorträge. Ich stellte fest, wie unbedarft Kinder mit dieser Technik umgehen. Sie benutzen Begriffe wie Hacker, Spam oder Darknet ganz selbstverständlich, ohne wirklich zu verstehen, was dahintersteckt. Und sie sind sich in den allermeisten Fällen der Konsequenzen ihres Handelns in diesen öffentlichen digitalen Räumen nicht bewusst. Schließlich sitzen sie physisch allein vor dem Bildschirm und können sich oft gar nicht vorstellen, wie groß und unbegrenzt die virtuelle Welt außerhalb ihres Kinderzimmers ist, die sie da betreten.

Warum Kinder klare Regeln brauchen

Beim Thema Medien bin ich sehr straight: Anti-autoritäre Erziehung funktioniert hier nicht. Punkt! Digitale Medien wirken direkt auf das Belohnungssystem im Gehirn. Bewegte Bilder, Spiele und Social Media schütten Glückshormone aus. Für Kindergehirne, die sich bis weit ins junge Erwachsenenalter entwickeln, ist diese Flut an Dopamin nicht nur problematisch, sie kann langfristig zu Defiziten in der Entwicklung führen. Kinder brauchen sensorische Erfahrungen: fühlen, tasten, ausprobieren, sich bewegen. Bildschirmmedien können das nicht ersetzen.

Wenn ein Kind das Handy vor der Nase hat, tritt alles andere in den Hintergrund. Motorik, Spiel, soziale Interaktion, Langeweile, all das wird verdrängt. Aber genau diese Erfahrungen sind für eine gesunde Entwicklung unverzichtbar. Kinder lernen, dass sie keine Langeweile aushalten müssen, dass sie keine Investitionen in echte Beziehungen leisten müssen und dass sie eine bequeme Flucht aus dem Alltag haben: Sie müssen nur in ihre Hosentasche greifen.

Deshalb brauchen Kinder Regeln. Klare, verständliche, verlässliche Regeln.

Wie viel Kontrolle ist angebracht?

Da es zur digitalen Mediennutzung von Kindern so wenig Erfahrungswerte bei den Eltern gibt, treten so gut wie alle Varianten zwischen den zwei Extremen totale Kontrolle und Laissez-faire auf. Ganz klar ist: Die Positionen an den Enden der Skala werden den Kindern beide nicht gerecht.

Ich möchte Eltern eindringlich davor warnen, den Nachwuchs frei laufen zu lassen oder aber jeglichen Zugang zu verwehren, denn beides führt über kurz oder lang zur Entfremdung. Entweder verlieren Eltern den Anschluss oder Kinder fangen an zu betrügen. Wer im Ernst glaubt, sein Kind mit Verboten abzuhalten, entzieht sich der Realität.

Gleiches gilt für die Praxis, Medien als Strafe zu entziehen. Das ist auf zweierlei Ebenen problematisch. Zum einen wertet es den Medienkonsum auf, denn nur, was wertvoll ist, dient als Mittel zur Bestrafung, und zum anderen motiviert es Kinder dazu, Dinge zu verheimlichen.

Mein Votum tendiert daher zu einem gesunden Mittelweg. Digitaler Medienkonsum wird mit altersgerechten Einschränkungen versehen, die zusammen mit den Kindern festgelegt gehören. Denn Erziehung bedeutet Begleitung, Interesse, Gespräche. Nicht als Kontrolle, sondern als Beziehung. Wer sich erklären lässt, warum ein Spiel fasziniert oder ein Film so spannend ist, versteht sein Kind besser. Und Kinder sind eher bereit zuzuhören, wenn Regeln nicht willkürlich wirken.

Der Mediennutzungsvertrag als Hilfsmittel

Ich bin ein großer Fan von Verträgen mit Kindern. Nicht nur, weil Verträge Klarheit bringen, sondern auch, weil sie Fairness bieten und Willkür verhindern. Die Parteien, bestehend aus Eltern und Kind, müssen sich einigen. Dabei tut sich eine Riesenchance auf, nämlich auf Austausch. Denn eine Einigung setzt auch immer eine Verhandlung voraus, in der die jeweiligen Positionen der Vertragspartner erläutert werden.

Und auch zum Medienkonsum macht so ein Vertrag total Sinn. Setzt euch also mit euren Kindern zusammen und klärt deren Bedürfnisse. Dann macht deutlich, wo ihr die Grenzen seht, und entwickelt daraus ein Papier. Im gleichen Zug könnt ihr eure Kinder auch über die Gefahren im Netz aufklären und so gut begründen, warum ihr diese und jene Grenze setzt. Vielleicht kann das Kind ja dann auch sein eignes Wissen zu den Spielen und Plattformen einbringen und an manchen Stellen die Sorgen entschärfen.

Viele Plattformen bieten mittlerweile auch Jugendschutzmaßnahmen und Aufsichtsfunktionen für Eltern an. Zusammen mit dem Kind können sinnvolle Einstellungen vereinbart werden. Allerdings rate ich dazu, nicht blind auf diese Technologie zu vertrauen, denn Kinder und Angreifer finden oft genug einen Weg diese technischen Hürden auszuhebeln.

Jede Familie vereinbart individuelle Regeln

Ganz wichtig ist mir zu betonen, dass es keine Einheitslösung gibt. Wir sind Menschen, und das Leben ist unvorhersehbar. Eine alleinerziehende Mutter im Homeoffice mit fehlender Betreuung steht vor anderen Herausforderungen als eine Familie mit viel Zeit und Unterstützung. Medienzeiten müssen zur Lebensrealität passen.

Auch Kinder sind unterschiedlich. Manche kommen gut mit Medien zurecht, andere zeigen sehr früh suchtähnliche Tendenzen. Darauf muss reagiert werden dürfen. Unterschiedliche Regeln für Geschwister sind kein Zeichen von Ungerechtigkeit, sondern von genauer Beobachtung.

Und manchmal gibt es Phasen, da gelten eben andere Regeln, und Eltern sollten das Selbstbewusstsein haben, hier Entscheidungen zu treffen und durchzusetzen.

Wichtig bei all diesen Absprachen ist auch nicht die exakte Minutenangabe, sondern die Haltung dahinter.

Was mir zum Beispiel aufstößt, sind Situationen, die ich im Alltag oft beobachte: Kinder im Kinderwagen mit Handy, Kinder im Restaurant mit laufendem Video, während alle anderen schweigen. Das ist längst kein Einzelfall mehr. Hier sind eindeutig die Eltern in der Pflicht zur Vorbildfunktion: Handy weglegen, Kommunikation vorleben.

Ihr schenkt euren Kindern so das Lernerlebnis, Frust auszuhalten, sich selbst zu regulieren oder einfach mal durch eine anstrengende Situation zu gehen.

Das eigentliche Problem: fehlender Jugendschutz

Eine besondere Herausforderung ist der Umstand, dass wir faktisch keinen funktionierenden Kinder- und Jugendschutz im Internet haben.

Pornografische und gewaltverherrlichende Inhalte, Social Media sowie Alkohol- und Zigarettenwerbung sind frei zugänglich. Altersverifikationen existieren kaum oder sind wirkungslos da sie mit Leichtigkeit umgangen werden können.

Hinzu kommt ein völliges Durcheinander bei Altersfreigaben. Unterschiedliche Plattformen, Appstores und Streamingdienste nutzen eigene Systeme, um ihr Angebot in Altersstufen einzuteilen. Was fehlt, ist eine klare, wissenschaftlich begründete Einstufung. Für Eltern entsteht ein Chaos, das Orientierung unmöglich macht. 

Hier darf Verantwortung nicht allein auf Familien abgewälzt werden. Es braucht politische Lösungen, verbindliche Altersprüfungen und klare Rahmenbedingungen. In anderen Ländern existieren solche Regeln bereits. 

Was ich mir wünsche

Ich wünsche mir Eltern, die hinschauen statt wegzusehen. Die keine Angst haben, weil sie nicht alles wissen. Niemand kann im digitalen Raum alles wissen. Das ist auch nicht nötig.

Ich wünsche mir klare Regeln, offene Gespräche und weniger Panik. Medien gehören zur Lebenswelt unserer Kinder. Sie komplett fernzuhalten, funktioniert nicht. Sie unbegleitet laufen zu lassen, aber auch nicht.

Medienerziehung ist Beziehungsarbeit. Und sie ist heute wichtiger denn je.