Mamas Mental Load

Warum delegieren nichts mit Faulheit zu tun hat, sondern höchst verantwortungsvoll ist.

Es ist morgens. Während ich Brotdosen kontrolliere, Arzttermine im Kopf jongliere und überlege, ob das Geburtstagsgeschenk für den Kindergeburtstag am Nachmittag schon eingepackt ist, koche ich nebenbei Kaffee und beantworte eine Schulnachricht. Mein Kind kommt in die Küche und jammert, dass es müde sei, dass Schule doof ist. Mein anderes Kind fragt mich, wo seine Lieblingshose ist. Ich gehe im Kopf die Wäsche durch und checke, ob die Hose gewaschen wurde, auf einer Leine hängt oder in einem Wäschekorb sein könnte. Nebenbei motiviere und tröste ich meinen Morgenmuffel. Nichts davon fühlt sich besonders an. Es ist einfach Alltag.

Was wir Mütter täglich leisten, läuft so selbstverständlich nebenher, dass wir es oft selbst nicht mehr als Belastung wahrnehmen. Wir sind organisatorisch stark. Wir sind multitaskingfähig. Wir halten Systeme am Laufen. Familien, Haushalte, soziale Gefüge. Wir können das sehr gut, aber wir müssen das auch können. Es wird von uns erwartet, von außen aber auch aus unserer inneren Erwartungshaltung heraus an uns selbst.

Es ist kein Sprint, der uns erschöpft, wir stehen wie Odysseus am Steuer einer Reise, die kein Ende nimmt

Das Schiff Familie mit der Mutter als Kapitänin läuft die meiste Zeit in ruhigem Fahrwasser. Aber auch nur, weil wir Mamas permanent auf der Brücke stehen und Ausschau halten, was sich so am Horizont tut. Damit wir rechtzeitig ausweichen können, Pläne ändern, Abläufe anpassen. Wir sind es so gewohnt diesen Posten nie zu verlassen, dass wir in der Regel den Zeitpunkt verpassen, an dem wir in eine leise Überforderung geraten, die man von außen kaum sieht, die aber in uns drinnen immer lauter wird. So laut, dass wir es kaum noch ertragen können.

 

Heute nennt man das Mental Load. Als meine Mutter Mama wurde, gab es dafür keinen Begriff. Es war einfach so. Erst durch den gesellschaftlichen Wandel und durch Social Media wurde vielen von uns überhaupt bewusst, dass diese Daueranspannung kein individuelles Versagen ist, sondern ein strukturelles Thema. Und dass mentale Gesundheit auch im Familienalltag eine Rolle spielen darf.

 

Dreh am Rädchen, aber am richtigen

Spätestens, wenn Mama nicht mehr so weiter machen kann, besser noch, wenn sie nicht mehr will, werden Familien versuchen, etwas zu ändern.

Veränderung ist immer individuell. Jede Familie funktioniert anders. Aber es gibt diesen einen Punkt, an dem klar wird: So wie es gerade läuft, macht es mich nicht glücklich. Meistens kommuniziert der Partner, der den Mental Load trägt, seinen Unmut und fordert den anderen auf, etwas zu ändern, sich mehr einzubringen, Verantwortung zu übernehmen. Doch ganz oft bringt das keine echte Lösung. Die Arbeit wird zwar manchmal weniger, der Kopf aber trotzdem nicht frei. Woran liegt das?

Nun, Entlastung beginnt in der Regel nicht damit, dass sich andere ändern. Sie beginnt damit, dass wir uns selbst ändern. Wir müssen bereit sein loszulassen. Nein sagen. Aufgaben liegen lassen. Aushalten, dass Dinge nicht perfekt laufen oder einfach anders. Aushalten, dass etwas vielleicht gar nicht erledigt wird. Das klingt simpel, ist aber einer der schwierigsten Schritte überhaupt. Denn solange wir auf all den To-dos sitzen, kommt niemand anderes an diese Aufgaben heran. Wir verdecken sie regelrecht. Aus Gewohnheit, aus Verantwortungsgefühl, aus Angst vor Chaos.

Loslassen bedeutet nicht Gleichgültigkeit, es bedeutet Raum zu geben

Ich habe das sehr deutlich erlebt, als wir unsere morgendliche Familienroutine umgestellt haben. Mein Mann macht jetzt die Kinder am Morgen, und ja, am Anfang war es eine Katastrophe: falsches Essen, Chaos, Zuspätkommen. Dinge, die mir fast schon körperlich wehgetan haben. Mein Impuls war, einzugreifen, zu korrigieren und zu optimieren. Schließlich hatte ich ein System, das funktioniert. Schließlich sah ich schon weit vor meinem Mann, wo sich das nächste Problemfeld auftun würde.

Ich habe nichts getan.

Nicht, weil es mir egal war, sondern weil ich wusste: Wenn ich diesen Platz nicht freimache, wird mein Mann nie sein eigenes System entwickeln können. Menschen machen Dinge unterschiedlich. Das ist dann weder besser noch schlechter, es ist einfach anders. Genau dieser Raum zur Entwicklung ist essenziell, wenn Verantwortung wirklich geteilt werden soll.

Spezielle Herausforderungen, gleicher Ansatz

Natürlich funktioniert das nicht für alle gleich. Alleinerziehende oder Mütter, deren Partner nicht verfügbar ist, weil er krank ist oder abwesend, tragen eine andere Last. Die Aufgaben verschwinden ja nicht, nur weil man bereit wäre, sie abzugeben. Und dennoch gilt auch hier: Mama muss loslassen, was natürlich sehr schwer ist, wenn man ganz allein die Verantwortung trägt.

Meine Impulse zum Nachdenken für alle Mamas, die ganz viel Last alleine tragen müssen:

  • Kinder dürfen altersgerecht unterstützen. Die meisten Kinder helfen sogar gern und sind stolz, wenn sie damit ihre Mama entlasten.
  • Damit kommen wir zum zweiten Punkt: Ehrlichkeit entlastet. Wenn Mama nicht mehr kann, darf sie das sagen. Auch zu ihren Kindern. Das ist völlig in Ordnung, denn die Kinder lernen dadurch ganz viel, nämlich Grenzen ziehen und klar kommunizieren.
  • Netzwerke mit Freunden können helfen. Unterstützung anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche.

Auszeit auf Urlaubsschein

Ein Prinzip, das uns als Paar sehr geholfen hat, ist Alltags-Urlaub. Wir beantragen ihn gegenseitig und jeder hat gleich viele Tage im Monat. Das klingt banal, ist aber unglaublich wirkungsvoll. Ich sage zu meinem Mann, aber auch zu mir ganz bewusst: Ich möchte an diesem Tag Zeit nur für mich. Vorausgesetzt es steht nichts Familiäres an, wird der Urlaub immer genehmigt.

Diese klare Kommunikation schafft Verantwortung auf beiden Seiten. Zeit gehört nicht automatisch der Familie. Sie gehört auch uns selbst. Warum dürfen Eltern oder Mütter nicht einfach mal einen ganzen Tag mit einem Buch am See liegen? Das muss drin sein. Je älter die Kinder sind, desto einfacher wird das natürlich. Mit Säuglingen und Kleinkindern ist das etwas schwieriger, aber auch da machbar.

Ich finde das sogar wichtig, dass meine Kinder von ganz klein auf lernen, dass Selbstaufopferung nicht der richtige Weg ist. Ich möchte, dass sie lernen, auf ihre Kräfte zu achten. Dass sie Grenzen setzen dürfen. Dass sie Verantwortung für sich selbst übernehmen.

Fallstudie Urlaub: Wer ertappt sich hier selbst in der Mental-Load Falle?

Ein besonders alltägliches Beispiel zeigt sehr gut, wie tief Mental Load verankert ist: das Packen für den Urlaub. Oft ist es so, dass Frauen für die komplette Familie alles organisieren, was so im Haus an Vorbereitungen anfällt. Sie schreiben Listen, sie suchen Sachen zusammen, sie kaufen was fehlt ein, sie helfen den Kindern beim Packen und sie schauen, dass das Haus in Ordnung ist für die Abreise. Dass alles Wichtige abgehakt ist. Und am Ende, wenn alles erledigt ist, packen sie für sich selbst: gestresst, ungepflegt, erschöpft. Während der Partner längst fertig ist und nicht versteht, wo eigentlich das Problem liegt. Dann steigt Ärger auf und man schwört sich, das nächste Mal läuft alles anders …

Ich habe es geändert. Ich packe meine Sachen zuerst. Immer!

Ich mache mich komplett fertig, danach kann kommen, was will. Dann habe ich den Kopf frei. Dann trinke ich zwischendrin Kaffee. Dann bin ich da für die anderen. Diese kleine Verschiebung im Ablauf macht einen riesigen Unterschied. Für mich selbst, aber auch für meine komplette Familie.

Wenn du dich nicht wertschätzt, wie sollen andere deinen Wert sehen?

Das finde ich ganz wichtig. Menschen erwarten oft, dass andere ihren Wert erkennen. Aber sie selbst behandeln sich nicht wertvoll. Respekt darf man nicht nur einfordern, sondern man muss ihn sich auch selbst entgegenbringen. Ein Moment hat mir das besonders deutlich gemacht. Bei einer Renovierung saßen die Männer mitten im Chaos zusammen, tranken Bier und machten Pause, völlig selbstverständlich. Meine Freundin war wütend und beklagte sich bei ihnen, warum sie Pause machen, während wir Frauen durcharbeiten. Mein Mann hörte zu und sagte dann etwas, was es auf den Punkt brachte: Wenn ihr euch die Pausen nicht nehmt, seid ihr selbst schuld. Warum müssen wir durcharbeiten, weil ihr euch keine Pause gönnt?

Recht hatte er. Wir machten uns einen Kaffee, setzten uns in die Sonne, redeten, ruhten uns aus und arbeiteten danach mit voller Energie weiter. Und siehe da: Niemand ist gestorben, die Renovierung ist nicht gescheitert. Aber wir waren weniger erschöpft und hatten eine Lektion fürs Leben gelernt.

Pausen sind kein Luxus. Sie sind notwendig. Und weil sie vielen von uns nicht im Naturell liegen, müssen wir sie uns bewusst aneignen.

Was du nicht änderst, wählst du

Das klingt hart, aber es ist ehrlich. Mental Load verschwindet nicht von selbst. Entlastung entsteht nicht durch Erkenntnis allein. Sie entsteht durch verändertes Verhalten. Durch Mut zur Unvollkommenheit. Durch Verantwortung für sich selbst. Und wenn wir weiterhin Verantwortung falsch leben, erreichen wir genau zwei Dinge: Wir selbst gehen kaputt und wir programmieren unsere Kinder darauf, genau in dieselbe Mental-Load Falle zu tappen wie wir.

Vielleicht ist das ja nun für die letzten von uns noch die ultimative Motivation „Nein“-sagen zu lernen: Leb es deinen Kindern vor, damit die später zu besseren Erwachsenen werden. Selbstwirksam, gesund, glücklich und ohne diesen Zwang alles zu erledigen, weil es sonst ja (vielleicht) niemand sonst tun würde. Unsere Kinder lernen Verantwortung zu übernehmen und haben die Chance, mit einer Vaterfigur aufzuwachsen, die sich kompetent im Familienalltag benimmt. Alle lernen, dass es nicht DAS System gibt, sondern dass Ziele auf unterschiedlichen Wegen erreicht werden können.