Ich erinnere mich noch genau an das Mädchen aus dem Kindergarten. Sie hieß Marlene. Die Erzieher hatten mich gewarnt, sie sei „anders“, schwierig, laut, sozial auffällig. Solche Warnungen bekomme ich tatsächlich sehr oft und sie verwirren mich. Denn ich stehe ja jedesmal vor einer Gruppe unbekannter Kinder und für mich sind sie alle gleich oder, anders gesagt: alle gleich anders.
Ich wollte mir selbst ein Bild machen. Marlene war tatsächlich auffällig: Sie war laut, quirlig, hatte künstlerische Züge und wurde genau dafür gemobbt. Die anderen Kinder fanden sie anstrengend, die Erwachsenen schwierig. Erst als ich sie besser kennenlernte, verstand ich, dass dieses Kind einfach nur dazugehören wollte. Es suchte Nähe, Freundschaft, jemanden, der es versteht. Marlene wollte Kontakt, wusste aber nicht wie. Ihr fehlte die passende Strategie, wie man auf eine freundliche, soziale Weise mit anderen interagiert. Ihr Verhalten wurde als Problem betitelt aber eigentlich war es ein Hilferuf.
Ich bin Petra und ich helfe Kindern - jeden Tag
Es sind Geschichten, wie die von Marlene, die ich erlebe und die meine heutige Arbeit prägen. Und genau das soll auch so sein. Vor vier Jahren stand ich vor der Frage: „Was will ich eigentlich mit meinem Leben wirklich anfangen?“ Diese Sinnkrise kennen sicher viele von euch. Man arbeitet und arbeitet, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr und irgendwann schaut man auf seinen Beruf, auf das was man täglich macht und denkt sich: Wozu das alles? Was bleibt davon übrig? Was trage ich in die Welt hinaus?
Ich für meinen Teil wollte lieber Sinn stiften statt Sinn suchen. So kam ich zu dem Konzept „Stark ohne Muckis“, das ich in den letzten Jahren für mich weiterentwickelt habe. In diesem November möchte ich euch zeigen, was hinter meiner Arbeit steckt. Nicht als Werbung, sondern als ehrlicher Einblick in das, was mich und mein Team jeden Tag bewegt. Ich erzähle von Missverständnissen, Erfolgen, Rückschlägen und den vielen Momenten, die mich sprachlos gemacht haben, positiv wie negativ.
"Manchmal reicht ein Blick, um zu spüren, dass hinter dem Verhalten eines Kindes eine Geschichte steckt."
Ich habe viel gelernt in den letzten Jahren. Zum Beispiel, dass „Stillsein“ nicht gleichzusetzen ist mit mangelndem Selbstbewusstsein. Dass ein „aufdringliches“ Kind oftmals Nähe sucht. Und dass hinter fast jedem Verhalten, das wir Erwachsene seltsam, anstrengend oder problematisch empfinden, ein Bedürfnis steht, das gesehen werden will.
Meine Arbeit ist ehrlich, denn sie findet mit Kindern statt. Kinder und Narren sagen die Wahrheit, oder? Als Erwachsene, muss man da erstmal schlucken, denn die Themen sind ungefiltert und pur. Die Kinder merken, dass sie bei mir auch Tabus aufbrechen dürfen und sie tun es. Für mich eine grandiose Chance Ihnen Dinge mit auf den Weg zu geben, die sie sonst in unserer adulten Welt nicht fragen dürfen.
Einmal ging es in einer Gruppe um das Wort „Hurensohn“. Ein Junge gerade mal fünf Jahre alt, sagte: „Wenn jemand das zu mir sagt, schlag ich ihn kaputt! Das ist gegen meine Familie und meine Ehre!“ Ich erklärte ihm, dass dieses Wort nur aus Buchstaben besteht. Dass Worte keine Macht über sein Leben haben, wenn er ihnen keine gibt. Es war der Moment, in dem er verstand, dass Selbstwert auch bedeutet, sich nicht durch Worte zerstören zu lassen. Ich hoffe er hat nachhaltig gelernt, keine Scham mehr zu empfinden, nur weil jemand anders zu ihm etwas sagt, was gemein ist, eine Beleidigung oder eine ungefragte Meinung. Worte bei denen zu lassen, die sie aussprechen ist eine wichtige Lektion für Kinder.
„Wenn wir Kindern beibringen, hinter Verhalten zu schauen statt es blind zu verurteilen, beginnt Veränderung.“
In guten wie in schlechten Zeiten - Die Realität als Trainerin für Kinder
Ich begegne vielen Kindern, die Gewalt zu Hause erleben. Kinder, die geschlagen werden, eingesperrt oder ohne Essen bleiben. Solche Geschichten nehme ich dann mit nach Hause und sie wirken lange bei mir nach. Doch ich sehe genauso Kinder, die trotz schwieriger Umstände eine unglaubliche Empathie entwickeln.
Man merkt Kindern das Elternhaus aber nicht nur im negativen an. Ich habe Kinder in den Kursen, die unglaublich gut reflektieren und bei denen ich weiß, dass die Eltern sehr viel mit ihnen reden. Sie sitzen da und sagen Sätze wie: „Vielleicht ist der Bulli aus dem Kurs traurig. Vielleicht geht es ihm ja gar nicht gut. Oder vielleicht hat er keine Eltern, die ihn lieben.“
Diese Kinder zeigen, dass echtes Mitgefühl erlernbar ist und dass Gespräche zu Hause den Unterschied machen können.
Manchen Kindern gebe ich etwas mit, dass sie im normalen Schulalltag nicht erleben können. Zum Beispiel diesem einen Jungen aus der Förderschule. Er hatte große Schwierigkeiten, regelmäßig in die Schule zu gehen, sich zu konzentrieren, überhaupt im Alltag klarzukommen. Aber bei einer meiner Traumreisen war er plötzlich wie verwandelt. Er war völlig in sich eingesunken, ganz ruhig, ganz bei sich. Ich las die Geschichte vor, und er fühlte sie mit jeder Faser. Er spielte jeden Satz mit, mit Gesten, geschlossenen Augen, atmete im Rhythmus der Geschichte. Es war, als würde er in eine Welt eintauchen, in der endlich alles gut war. In diesem Moment war er frei, kreativ, friedlich, verbunden. Und ich dachte: Das ist seine Stärke. Eine, die kein Schulzeugnis je messen wird.
„Ich sehe Kinder, die andere mobben und Kinder, die über die Sorgen dieser „Bullies“ nachdenken. Sie fragen sich, warum jemand so gemein ist. Und manchmal erkennen sie: Auch dieser Mensch will einfach nur dazugehören.“
Besonders an Förderschulen begegne ich Kindern mit schweren Schicksalen, die „durchs System fallen“. Kinder, die als Gefahr gelten, werden mit Hausarrest belegt, weil niemand weiß, wie man ihnen helfen kann. Und Kinder mit starkem Autismus werden ins Homeschooling geschickt, ohne echte Unterstützung, ohne Plan, ohne Perspektive.
Ich will, dass diese Kinder sichtbar werden. Ich will zeigen, dass Stärke nichts mit Muskeln zu tun hat, sondern mit Empathie, Mut und der Fähigkeit, Gefühle wahrzunehmen, bei sich und bei anderen. Alle Kinder brauchen diese Chance, alle Kinder sollten wichtig sein, egal wie die Umstände sind, egal wie sehr das System sie nicht willkommen heißt.
Was ich lehre, ist mächtig.
Ich merke das, denn Kindern ist mein Kurs selbst nach Jahren noch im Gedächtnis.
Sie erzählen mir, wie sie damals etwas verstanden haben, das ihnen bis heute hilft, mit sich selbst und anderen anders umzugehen. Und genau das ist für mich das größte Kompliment: zu wissen, dass etwas bleibt.
Wenn wir aufhören, Verhalten zu bewerten, und anfangen, es zu verstehen, dann können wir verhindern, dass Kinder jahrelang leiden oder ausgegrenzt werden.